30 Jahre Nordafrika

von | Jul 20, 2020

Tuareg Familie

1989 bis 2019 – 3 Jahrzehnte Nordafrika

Der Asphalt zieht sich endlos weit vor uns in den Westen. Wien – Genua –wie oft sind wir diese Strecke nun schon gefahren? Unser Ziel Nordafrika. Das wievielte Mal? Das wievielte Jahr?

Seit 30 Jahren bereisen wir diesen Teil der Erde. Begonnen hat es 1989 mit einem VW-Bus, vollgepackt mit Surfern und unserem 7 jährigen Sohn Boris.

Das Ziel: SW-Europa.

Was hat das jetzt mit Nordafrika zu tun?

Unsere Fahrt hat uns quer durch Österreich, Liechtenstein, Schweiz, Frankreich, Andorra bis nach Spanien geführt. Und dann standen wir in Gibraltar blickten über das Meer und sahen zum ersten Mal einen anderen Kontinent.

Also ins nächste Fährbüro, eine Nacht am Hafen, eine Stunde über die Meerenge und schon betraten wir AFRIKA.

Von Ceuta nach Marokko scheiterte unser Vorhaben beinahe an unserer Unwissenheit, was an der Grenze zu tun ist.

In europäischer Manier warteten wir brav im Fahrzeug, aber es beachtete uns niemand. Dann beobachteten wir die anderen Leute, die ausstiegen, von einem Schalter zum anderen hirschten und anschließend die Grenze überqueren konnten. Also folgten wir ihnen unauffällig zur Polizei, zum Zoll, füllten zahlreiche Fiches aus und betraten nun endgültig unser erstes afrikanisches Land – Marokko.

Unser Weg führte uns gerade einmal die Küste entlang bis Tanger und wieder retour – 2 Tage – aber wir waren infiziert.

VW-Bus
Blcik auf Marokko
Ceuta

20 Reisen in 30 Jahren

Kaum zurück warfen wir unseren VW-Bus auf den Markt und erwarben einen Toyota Hilux, bauten eine geländegängige Wohnkabine mit Hubdach auf die Ladefläche – schließlich mussten wir 3 Personen unterbringen und von da an, waren unsere Reisziele klar – Länder, in denen man nicht nur auf Asphalt fahren konnte.

Von nun an bis im Februar 2019 waren wir insgesamt 20 Mal in Nordafrika unterwegs, bereisten die Sahara von Ägypten bis Mauretanien, mit 4×4 PKW und LKW und 2 Mal gingen wir zu Fuß.

  • 3x Algerien (2x Toyota Hilux, 1x Mercedes Unimog)
  • 1x Mauretanien (Mercedes Unimog)
  • 1x Libyen (Mercedes Unimog)
  • 1x Ägypten (Kamel-Wanderung mit Beduinen)
  • 5x Marokko (4x Mercedes Unimog, 1x Leihfahrzeug – Hochzeitsmarkt)
  • 9x Tunesien (privat und im Zuge unseres Wüstenseminar mit Mercedes Unimog, Toyota Landcruiser, Nissan Patrol)
  • 1x Tunesien mit dem Hundeschlitten durch die Wüste

Die Zeiten ändern sich

Viel hat sich geändert in dieser Zeit – politisch, touristisch, Kartenmaterial und Informationsbeschaffung, Navigation. Aber vor allem haben wir uns verändert – diese Reisen haben uns nachhaltig geprägt.

Bei unserem ersten Ausflug nach Nordafrika hatten wir nur eine Straßenkarte dabei, ich glaube, es war der Europa-Atlas – Maßstab weiß ich nicht mehr. Anders bei unserer ersten großen Tour nach Algerien. Die genauesten topografischen Karten waren damals die französischen IGN Karten, Maßstab 1:200.000. Mit der Michelin Übersichtskarte, dem Dumont Reiseführer mit zahlreichen exzellent beschriebenen Routen (Beschreibungen, keine GPS Koordinaten) und Tipps von Wissenden stellten wir eine grobe Route zusammen und besorgten von dort diese IGN Karten – trotz Einschränkung eine riesiger Haufen.

IGN Karte Algerien

Routenplanung 1990

So weit wie möglich breiteten wir sie auf unserem Wohnzimmerboden auf. 3-Mann hoch saßen um die Karten herum – ich las die Wegbeschreibungen aus dem Dumont vor und die 3 Herren (Andreas, Günther und Rudi) zeichneten den Verlauf in die Karten ein.

Und so entstand unsere erste 5 wöchige Runde von Hassi Messaoud, Erg Amguid nach Djanet. Ich erinnere mich noch heute an die weitere Beschreibung:

Folge der Piste von Djanet Richtung Tamanrasset, nach 44,5 km biege Richtung SW ab und folge dem Qued bis zum Erg d’Admer. Den langen steilen Anstieg sollte man zeitig in der Früh befahren.

Wir folgten diesem Ratschlag und trotzdem brauchten wir zahlreiche Anläufe bis wir die endlos erscheinende Auffahrt bezwingen konnten.

Weiter ging es durch das Qued Hounadi zum Termekrest und nach Tamanrasset. Dann auf der Bundesstrasse 1 über In Salah, El Golea und Ghadaia wieder nach Tunis.

Toyota Hilux
Erg Dadmer

Navigation 1990

Für die Navigation vor Ort justierten wir unseren Autokompass, bauten einen Tripmaster für die exakte Kilometeranzeige ein.

Wir waren mit 2 Fahrzeugen unterwegs, die Beifahrer schrieben auf der Detailkarte die gefahrene Strecke mit und wir stimmten uns immer wieder ab.

Nur einmal lag der geschätzte Standort 20 km von einander entfernt!?!

Was war passiert? 2 Tage vorher standen wir 3 Stunden in einem Sandsturm, markante Orientierungspunkte waren noch 2 Tage nach Abklingen des Sturms im Sandnebel verhüllt, es gab keine eindeutige Piste und unser Weg führte uns im Zick-Zack um zahlreiche kleine Muggeln herum, die man in der Karte nur interpretieren aber nicht erkennen konnte.

Und dann kam die Erkenntnis: Die Anzeige unserer Autokompasse differierte um 20 Grad! Durch die Elektro-Magnetische Aufladung im Sandsturm haben sich die Autokompasse verstellt, aber in den beiden Fahrzeugen unterschiedlich.

Dreieckspeilung
Autokompass justieren
Nach dem Sandsturm

Das erste GPS Gerät – 1992

Bei unserer zweiten Tour – im Sommer! – planten wir wie gehabt mit den IGN Karten, aber wir nahmen zum ersten Mal ein GPS Gerät mit – riesig groß, 4 Kanäle für die gleichzeitige Kommunikation, schwarz/weißes Display, der Track wurde aufgezeichnet, aber nur am leeren Bildschirm angezeigt.

Einmal haben wir es für die Navigation getestet – das Fort Miribel eingegeben, GOTO-Route aktiviert und sahen folgende Angaben am Bildschirm:

  • Aktueller Kurs
  • Kurs zum Ziel
  • Entfernung zum Ziel
  • In einer kleinen Leiste konnte man noch erkennen, ob man rechts oder links vom direkten Kurs zum Ziel abwich

GPS Navigation im Wandel

In Libyen benutzten wir das GPS Gerät um die Koordinaten immer wieder in unsere Papierkarten zu übertragen, denn durch den Erg Ubari war eine Dreieckspeilung nur sehr schwer möglich und das Mitschreiben von Richtung und Kilometer bei der Überquerung von Dünenriegeln sehr mühsam. Das war im Jahr 1998/99 und man merkte schon die Veränderung, den Trend zum GPS. Es erschienen in dieser Zeit zahlreiche Bücher mit Routen, die nur aus GPS-Wegpunkten bestanden.

Keine Anmerkungen über Bodenbeschaffenheit, markante Landschaftspunkte und ähnlichem. Unsere Mitfahrer hatten sogar 2 GPS Geräte, falls eines ausfällt, und waren nahe dem Herzinfarkt, als wir auf einer Strecke umdrehen mussten und sie, warum auch immer, den Weg dorthin nicht aufgezeichneten hatten.

Man muss aber dazu sagen, dass wir da über ein Plateau mit schachbrettartig angelegten Wegen nach Westen gefahren sind, die Abfahrt zum Akkakus Gebirge zerstört war und wir wieder umdrehen mussten – das Plateau zurück in den Osten!

Da kam mir wieder ein toller Spruch in den Sinn: das GPS zeigt Dir genau den Ort an, wo Du in der Wüste verdurstest.

Hochebene Libyen
Hochebene Libyen

Planungssoftware und topografische Karten

Die GPS-Geräte erlebten eine rasante Entwicklung, auch die Planungssoftware für den PC, die elektronischen, topografischen Karten boten dieselbe Qualität, wie eine Papierkarte und schließlich konnte man auch auf Satellitenbilder zugreifen, wo man 1992 noch gute Beziehungen und eine Menge Scheine haben musste, um sie unter der Hand zu bekommen. In dieser Zeit planten auch wir unsere Touren mit Hilfe von Navigations-Software am PC, übertrugen die Routen ins GPS und mit der Kartenanzeige am Display konnten wir wie gewohnt navigieren.

Das GPS ermöglichte aber immer mehr Leuten, die Sahara zu bereisen – mit der Vorspiegelung einer falschen Sicherheit – ich muss ja nicht mehr Kartenlesen und Navigieren können – das GPS führt mich eh richtig. Dann lade ich mir noch Tracks aus dem Internet herunter und brauche denen nur mehr nachfahren. Ohne zu wissen wann, mit welchem Fahrzeug und bei welchen Wetterverhältnissen derjenige unterwegs war, von dem ich den Track habe!

Veränderung durch den Tourismus

Und dann kommen wir zu einer weiteren Veränderung, die uns im Laufe der Jahre aufgefallen ist –den Tourismus. Die Vereinfachung der Navigation mittels GPS, ermöglichte es vielen, zum Teil auch Unwissenden, sich in Gebiete zu begeben, die noch nicht wirklich erschlossen waren. Auch wurden immer mehr Straßen im Land asphaltiert (siehe Marokko), auf der einen Seite für die eigene Bevölkerung, aber auch um mehr Touristen und damit auch Geld ins Land zu bringen. Man musste sich also nicht mehr so intensiv mit dem Land, den Straßen/Pistenverhältnissen auseinandersetzen und vergaß dabei manchmal auch, sich über die Lebensweise der Bevölkerung zu informieren.

Leben in Marokko

2 besondere Begegnungen in Algerien

Anfang der 90er Jahre trafen wir in Algerien immer wieder Nomadenfamilien. Wir gaben ihnen Wasser, halfen ihnen mit Augentropfen aus und bei der traditionellen Teeeinladung gewannen wir einen Einblick in ihre Welt, ihr Leben. Von den zahlreichen Begegnungen möchte ich zwei besonders hervorheben.

Unsere erste Tour in Algerien, unser Sohn gerade mal 8 Jahre alt. Wir fahren auf den Berg El Djenoun, den Geisterberg zu. Auf einmal steht ein Mädchen, vermutlich so 8 Jahre alt, neben einem Busch einen 20 Liter Wasserkanister in der Hand. Wir bleiben stehen. Sie fragt uns nach Wasser und da wir genug Vorräte mitführten, füllten wir ihren Kanister an.

In der Zwischenzeit ist auch Boris aus dem Wagen geklettert, sie sieht ihn, stürmt mit ausgestrecktem Arm auf ihn zu, um ihn zu begrüßen. Diese „Attacke“ hatte Boris so überrascht das er mit dem Rücken zum Auto kleben blieb und etwas verdattert geschaut hat – diese Reaktion hat sich aber bei ihm rasch gelegt.

Als der Kanister voll war, tauchte auch der Vater des Mädchens auf, er hatte im Hintergrund immer alles im Blick gehabt und lud uns zu Tee ein. Das Lager bestand aus einem Halbkreis dichten Dornenbüschen, die mit Decken belegt waren. Ein schmales Dach schützte die wichtigsten Dinge vor Nässe und Sand. In einem weiteren Kobel aus Dornengebüsch verbrachten die Ziegen die Nacht, jetzt waren sie in der Nähe des Lagers auf Futtersuche.

Im Lager selbst hatte die Mutter das Sagen. Der Mann kochte den Tee, die Tochter bereitete das Brot, dass dann unter der Glut im Sand gebacken wurde. Wir hatten kleine Plastiktiere (Weltspartag Zentralsparkasse) für die Kinder mit. Bevor wir sie ihnen aber geben durften, wurden sie von der Mutter genauestens unter die Lupe genommen. Dann erklärte sie ihnen aber auch was eine Giraffe, ein Löwe, ein Nilpferd ist. Für die Zigaretten, die wir dem Mann gegeben haben, erntete einen strengen Blick von seiner Frau.

Brot bereiten
Tee einschenken
Tuareg Familie

Schon als ich im Zuge unserer Vorbereitung die ersten Zeilen in unserem Dumont über Touareg-Nomaden gelesen habe, war mir ihre Einstellung sympathisch – zu jedem Anlasss gibt es Tee zu trinken und in der Familie gehört der Frau alles, dem Mann nur sein Sattel und sein Schwert.

Einladung am Termekrest

Die zweite Begegnung war am Termekrest, ein Talschluss in der Nähe von Tamanrasset (Algerien) wo ein kleines Rinnsal über mehrere Gueltas von der Anhöhe nach unten fließt. In den Gueltas waschen die Nomaden ihre Wäsche und tränken ihre Tiere.

Wir kannten den Platz von einer früheren Reise und wollten dort unser Nachtlager aufschlagen. Ein Hirte, ich würde sagen in unserem Alter, lagerte dort mit seiner Herde und plauderte mit 2 jungen Mädchen.

Als wir ankamen, luden wir ihn zum traditionellen Tee ein. Er sagte zu, beobachtet mich aber skeptisch bei der Zubereitung. Der Tee dürfte im geschmeckt haben und als Dank hat er uns für den Abend zu seinem Lager eingeladen. Um 17 Uhr würde er uns abholen. Wir sahen bei ihm keine Uhr, aber Punkt 17 Uhr stand er bereit und wir fuhren zu ihm nach Hause.

Der Frau hat er anscheinend nichts vom unerwarteten Besuch erzählt und so bekam er seine Schimpfer, nicht weil wir gekommen sind, sondern sie keine Zeit hatte, sich vorzubereiten.

Er zeigte uns Bilder von seinen Freunden in Belgien, die er zu Weihnachten besucht hatte und anderen Freunden in halb Europa.

Er aber bevorzugt nach wie vor das Nomadenleben in der Wüste.

Termekrest
Tuareg-Einladung

Tee trinken – eine alte Tradition

Im gesamten Nordafrikanischen Raum ist das Teetrinken eine alte Tradition und wird immer und überall zelebriert. Vielleicht fühle ich mich deshalb so wohl in diesen Ländern.

 

Davon erzähle ich aber das nächste Mal.

Hundeschlitten Frühstück

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